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Tag 1

03.07.2010

Um acht Uhr morgens konnte es endlich losgehen. Zuvor verabschiedete ich mich von Helfern und Vereinskollegen. Dann bekam Phönix seine Hundeschuhe angezogen und ich streifte mir meine Profi-Radsportbekleidung über. Nach ein paar Kilometern hielt ein Roller neben uns. Der Fahrer meinte er hätte von uns in der Zeitung gelesen. Er wünschte uns viel Glück und meinte wenn er noch etwas jünger wäre würde er glatt mitfahren. Etwas weiter stand eine Frau am Wegesrand und bat um ein Foto. Sie war vorher mit dem Auto an uns vorbeigefahren, hatte das Gefährt auch aus der Zeitung wieder erkannt und an dem Punkt gehalten weil sie dachte wir müssten an der Kreuzung vorbeikommen. Nach der Fotosession wünschte auch sie uns eine gute Fahrt. Diese verlief auch kurz noch gut, dann ging es nicht weiter, ein DHL-Wagen versperrte den Weg. Ich stieg ab und sah mich um, niemand zu sehen, außer ein Herr im Garten. "Ja, der stellt sich hier immer hin." meinte der rüstige Mann. Nach fünf Minuten kam schließlich der DHL-Auslieferer.

Das Outdoornavi von MyNav leitete uns recht gut von Pasing nach Grünwald, dort verweigerte uns eine Dame leider die heiß ersehnte Erfrischung. Sie goß hinter hohen Mauern den Garten ihrer Villa doch für uns war ihr Wasser wohl zu schade. Naja, etwas weiter fanden wir eine Kneip-Anlage im Park. Ich genoß das kühle Nass bis zu meinen Oberschenkeln. Anschließend am Brunnen Katzenwäsche und Durst stillen. Nun wurden wir vom Navi nach unten geleitet. 22 % Steigung, noch machten die Bremsen mit, doch bei etwa 200 Kilo Gewicht durfte ich beinahe durchgehend bremsen. - Hoffentlich halten das die Felgen auf Dauer aus! Und hoffentlich reichen zwei Ersatz-Bremssätze über die Alpen und den Apenin.

Unten angekommen wurden wir über eine Brücke geleitet. Der folgende Weg war schön anzusehen, links und rechts die Isar und grüne Wälder, allerdings gab es auf dem Kiesweg zwei Kilometer keinen Schatten. Bis hin zu einer Brücke die sich zwanzig Meter über uns erstreckte. "Biegen Sie nach Links ab." Meinte das Navi. "Hmm." dachte ich. "links geht's direkt in die Isar, ob das Navi meint ich hätte ein Amphibien-Fahrzeug?" Ich sehnte das andere Ufer herbei, während Phönix den Schatten der Brücke genoß. Am Ende blieb uns nichts anderes übrig als wieder umzukehren. Diesmal leitete uns das Navi auf rechtem Wege zur Brücke.

Nach der Brücke kam eine mordsmäßige Steigung. Zum Teil musste ich schieben. Oben angekommen setzte ich mich unter den ersten Baum. Dort saß bereits ein freundlicher Rentner der bei einem Bierchen den Autos hinterhersah. Er lud mich auch auf eines ein. Meine Mittagspause verbrachte ich in guter Unterhaltung mit dem Rentner "Hermann". Er gab mir noch seine Adresse und ich versprach ihm von Sizilien aus eine Karte zu schicken. Ehe ich aufbrach hielt noch ein Rennradler neben uns. "Und wann gehts los?" sprach er mich an. "Heute, vor zwanzig Kilometer.." - "Super! Hab's in der Zeitung gelesen." - "Ja, wird auch Zeit, wollte schon vor Wochen los, jetzt ist es schon sehr heiß - und erst in Süditalien." seufzte ich. - "Stimmt, doch vor einem Monat wär's wohl auch nicht so toll für euch geworden. Ein Freund hat zu der Zeit eine Alpenüberquehrung gemacht und ist vom Schnee überascht worden. Zehn Grad Minus in der Nacht." - "Okay, das wäre natürlich mit dem Wagen auch kein Vergnügen geworden, durch den Schnee." entgegnete ich. "Sicher nicht." Dann griff er zu seiner kleinen Satteltasche und zog einen zehn Euroschein hervor. "Hier, für die Fahrt." - "Danke, aber das ist nicht nötig." - "Ach, ich hätte sonst nur eine Maß im Biergarten gegönnt, bei dir ist das Geld besser aufgehoben." Hermann wollte mir daraufhin auch noch zehn Euro mitgeben, doch ich meinte er solle seine Rente lieber für sich behalten. Der Radler verabschiedete sich, nachdem ich meinte er könne uns gern eine E-Mail schreiben, mit den Worten: "Klar, mache ich gern. Werde dich auch interessiert weiter online verfolgen, einen großen Fan hast du bereits." Nach dem Bier nahm ich noch eine Banane zu mir, dann verabschiedete ich mich vom Hermann, der mir noch einmal das Versprechen abnahm das ich ihm schreiben würde.

Weiter ging es, erst auf Asphalt, dann über Stock und über Stein, durch Wälder und Täler und über kleine Hügel. Ich war gerade so richtig in Fahrt, Phönix saß hinten im Wagen, da kamen unerwartet ein paar Schlaglöcher auf uns zu. Den meisten konnte ich noch ausweichen, doch da die Räder des Wagens natürlich auf anderer Höhe als die des Fahrrades lagen nahmen wir auch ein paar mit. Kurz darauf ging es durch einen Wald wieder steil abwärts - und dies auf Kies, was eine starke Minderung der Bremsleistung bedeutete. Eine zweite und heftigere Herausforderung für die Bremsen. Mit Respekt lenkte ich abwärts. Die Bremsen durchgehend gedrückt. Doch weit kam ich nicht, hinter mir hörte ich ein Knirschen und Kratzen, der Wagen hatte sich bereits ein Stück in das Erdreich gebohrt. - Ob die Steigung die Ursache war? - Vorsichtig stieg ich ab, beide Bremsen durchgehend gedrückt, und besah mir den Wagenboden näher, schien weiter abgesenkt als normal. - Die Verbindung zwischen Deichsel und Hinterrad hatte sich abgesenkt. Ich stemmte mich gegen die Radtaschen, löste die Linke Bremse und hielt die Rechte mit der linken Hand. Mit der freien Rechten löste ich den Schnellspanner, holte tief Luft und stemmte die Deichsel ein Stück nach oben. Schnell den Schnellspanner wieder fixiert und vorsichtig die Bremse gelockert. Ein Stück ging es abwärts, ein Meter, zwei, mit wenigen Zentimetern Luft zwischen Wagen und Boden, dann senkte sich der Wagen und es ging nichts mehr. So weit hatte sich das Verbindungsstück doch gar nicht gelockert. Es musst wohl die Deichsel zudem verbogen sein. Tatsächlich konnte ich bei eingehender Betrachtung, in akrobatischer Körperhaltung - um den Wagen gleichzeitig am Kiesschlittern zu hindern - sehen das die Deichsel dort wo sie aus der Führung kam leicht eingedrückt war. "Was nun?" Deichsel vom Rad lösen? Zum Glück war das Fahrradwerkzeug Griffbereit in einer kleinen Tasche auf dem Gepäckträger. - Doch wie würde ich Fahrrad und Wagen einzeln herunterbekommen. Wenn ich den Wagen abstellte um mit dem Rad erst runterzufahren könnte der Wagen sich weiter selbständig über den Kiesboden schieben. Dann unkontrollierbar, am Ende würde er mich gar einholen und vom Rad werfen, oder zur Linken die Böschung runterrattern. In erstem Fall wären wir wohl beide - zumindest vorerst - hinüber in zweitem Fall der Wagen todsicher. Ging es doch seitlich noch weitaus steiler bergab. Ich könnte wohl das Fahrrad erst zur Seite schieben und anschließend den Wagen händisch mittels Deichsel nach unten lenken, doch nur mit Sportschuhen und etwa 70 Kilo Körpergewicht einen weitaus schwereren Wagen bremsen? Auch kein toller Gedanke. Während ich alles noch einmal durchging hörte ich unten Stimmen. Sie kamen näher. Einen Moment später, ich hielt immer noch krampfhaft beide Bremsen und stemmte mich gegen den Wagen, tauchten hundert Meter unter mir zwei Nordic-Walkerinnen auf. So schnell sie zur Rechten des Weges auftauchten, so schnell waren sie links wieder verschwunden. Verzweifelt rief ich. "Hallooo!!!". Nichts. "Hallooooo!!!" Da lugten die beiden von unten zwischen den Bäumen hervor. "Brauchen Sie Hilfe?" - "Ja, wäre nicht schlecht." - Langsam kamen die beiden Damen den Weg hoch. "Sie sind doch heute schon in Grünwald vorbeigefahren!" meinte die eine. - "Ja, unter anderem." - "Den habe ich vorher schon aus dem Auto heraus gesehen." Meinte sie daraufhin zu ihrer Freundin. - "Wie können wir denn helfen?" - Ich erklärte die Situation und bat die Frauen von hinten den Wagen festzuhalten und Gewicht auszuüben damit er sich vorne anhob und wir ihn kontrolliert den Weg herunterlassen konnten. Gesagt getan. Unten bedankte ich mich herzlich bei den beiden und meinte auf ihre Fragen sie könnten nun nichts mehr tun. Sie entgegneten sie würden den Weg weiter "walken" und in einer viertel Stunde zurückkehren, vielleicht könnten sie ja dann noch einmal helfen. So zogen sie ihres Weges, während ich Herrn Meier von Alu-Meier.de anrief um ihn über die Sachlage in Kenntnis zu setzen. Leider ging nur der Anrufbeantworter an. Klar, lief auch gerade das Deutschlandspiel. Michi, ein guter Freund, der Karosserie und Fahrzeugbau studiert hatte, war auch nicht zu erreichen. So machte ich mich daran die verbogene Deichsel abzunehmen. Sie hatte sich ganz schon in die Führung hineingefressen und sicher auch darin leicht verformt, so steckte sie auch nach Lösen der Schrauben fest. Nach länger und kräftigerem Rütteln löste sie sich Zentimeter für Zentimeter. Als ich gerade die Ersatzdeichsel aus ihrer Verankerung nahm kamen die zwei Walkerinnen zurück. Sie erkundigten sich noch einmal ob alles in Ordnung sei. "In Ordnung nicht, aber mit der Ersatzdeichsel würde ich heute zumindest noch nach Dietramszell gelangen." meinte ich den Umständen entsprechend recht zuversichtlich. "Nach Sizilien schaffe ich es jedoch sicher nicht mit der Aludeichsel." - "Können wir noch etwas helfen?" - "Nein, vielen Dank. Sie haben vorher schon im rechten Moment gut geholfen." - Dann verabschiedeten sie sich. "Den Weg geht es nur noch gerade aus, bis zur Zivilisation." meinte eine noch. Zu meinem Ärger ging die Ersatzdeichsel nicht recht in die Führung. Ich schraubte und drückte, klopfte und rüttelte, schüttelte und fluchte. Phönix lag derweil seelenruhig neben mir auf der Erde. Um uns herum hatten sich eine ganze Traube an Stechmücken und fiesen Bremsen versammelt. Zwischen erneuten Versuchen die zweite Deichsel weiter in die Führung zu bekommen wehrte ich die lästigen Viecher so gut ich konnte ab. Dennoch gelangten einige an ihr Ziel und labten sich an meinem Blute. Dieses kochte vor Ärger. Was nun! Es wurde immer später, ich war mit Phönix allein im tiefen Wald, das heißt nicht alleine eine gefühlte Millionen Stechviecher um uns, das ersehnte erste Etappenziel war noch gute zwanzig Kilometer entfernt. - Ganz zu schweien von Sizilien. Mit einer verbleibenden Alu-Deichsel unereichbar weit weg. - Bis auf ein paar Ananasstücke vor der Fahrt und einer Banane nach dem Bier in der Mittagspause hatte ich noch nichts gegessen, doch ich verspürte auch keinen Hunger. Die Situation war zu negativ um an Essen zu denken. Die Viecher und die sinkende Sonne ließen mir keine Ruhe. "Sei's drum, Christian," sagte ich mir, "irgendwie muss es weitergehen. Wenn die Deichsel sich nicht verschrauben läßt fahre ich eben so ein Stücken. Zumindest aus dem Wald heraus." Der Weg sollte ja nur noch ebenertig verlaufen. So machten wir uns weiter auf den Weg, mit einer nur zur Hälfte gesteckten Deichsel. Würde sie sich lösen, der Wagen würde sich sofort in den Boden senken und das Sicherheitsseil mein Rad aprupt zum Stehen bringen. Doch soweit kam es vorerst noch nicht. Der Weg ging tatsächlich eine Zeitlang angenehm ebenerdig, die Strecke war schön, ich konnte sogar die Einsamkeit im dichten Wald um mich herum genießen. Dann wurden wir doch aprupt gebremst. Nicht vom Sicherungsseil, von einer rasch stärker werdenden Steigung. Auf dem Rad kam ich nicht weiter, also stieg ich ab, wieder mit durchgehend gedrückten Bremsen. Ich schob aus allen Kräften, doch der Kies lies mich keinen festen Halt finden und ich rutschte immer wieder ab. Meter für Meter, ja teils Zentimeterweise kämpfte ich mich vorwärts. Zwischendurch Verschnaufspausen. Manche Anläufe gingen nach hinten los und ich rutschte samt Wagen wieder ein Stück abwärts. Der Schweiß lief nur so an mir herunter, was noch größere Schwaden an Stechviechern anzog. Schließlich trennten mich noch zwei Meter vom Asphalt, wo ich mehr Bodenhaftung hätte, doch diese zwei Meter gingen besonders steil aufwärts. Kurze Zeit verspürte ich Lust das Rad einfach los zu lassen und mit anzusehen wie es samt Wagen abwärts glitt. Tief durchatmen, Muskeln anspannen, Beine breit in den Kies bohren und kräftig gegen den Lenker drücken. Wieder ein paar Zentimeter nach vorne. Noch einmal verschnaufen, dabei ging es trotz gedrückter Bremsen die Hälfte wieder zurück, und wieder heftig schnaufend nach vorne drücken. "Ich schaff das!" tatsächlich berührte das Vorderrad bereits den Asphalt. Der Wagen hatte allerdings während der ganzen Schieberrei leicht quergestellt und nun war ein dicker Ast unter ihn geraten. Ich schob meine Beine zwischen die Radtaschen um mehr Widerstand zu erzeugen und eine Hand von den Bremsen lösen zu können. An der Deichsel versuchte ich den Wagen in bessere Position zu bekommen. Zudem ließ ich ihn ein Stück kontrolliert zurück um an den Ast zu gelangen. Das Corpus Delicti schleuderte ich tief in den Wald. Dann kämpfte ich mich erneut nach oben. Wohl hätte ich es auch noch aus eigener Kraft ganz auf die geterte Landstraße geschafft, allerdings ging es bedeutend schneller drei Mädels, die auf der oberen Landstraße vorbeikamen, um Hilfe zu bitten. Während sie hinten anschoben berichteten sie mir das Deutschland gegen Argentinien vier Tore erzielt und wer sie geschossen hatte.

Kaum auf dem Asphalt kam schon wieder eine Steigung. Diesmal noch kräftiger und länger. Zumindest mit besserer Bodenhaftung. So ging es etwas rascher zu Fuß aufwärts. Mehrere Autofahrer und Radler überholten mich. Die Autofahrer erstaunt bis schmunzelnd, die Radfahrer keuchend und mitfühlend. Ich holte gerade noch einmal tief Luft und goß mir den Rest aus meiner Radflasche über den erhitzten Körper, ich hatte den Eindruck es würde direkt wieder verdampfen, als hinter mir ein Wagen laut angebraust kam. Quietschende Bremsen gefolgt von einem Hupkonzert, dann stand der Wagen neben mir, die Fenster gingen herunter. "Du *****loch! Musst du das Ding hier abstellen?! Hätte dich beinahe über den Haufen gefahren!!!" brüllte der Fahrer. "Ja, du Depp!" ergänzte seine nicht minder höfliche Beifahrerin. Ich erklärte das ich hier nicht zum Spass stehe und man auf diesem Weg nur vierzig fahren darf. Entweder hatte der Typ ein schlechtes Reaktionsvermögen, schließlich ging es nur leicht um die Kurven und ich konnte einige Autolängen abwärts sehen, oder er fuhr zu schnell. Nach dem Deutschlandspiel aufgrund Alkohols und Euphorie eventuell gar beides. Ich sollte es nicht mehr herausfinden. Er brüllte noch etwas von "Ich hau dich gleich um wenns dich nicht schleichst!" dann kam ihm wohl auch in den Sinn das er schneller war als ich und brauste davon. Ich schob weiter. Immer wieder darauf achtend ob die Deichsel sich lockerte, was zum Glück bisher nicht der Fall war. Nach der nicht enden wollenden Steigung ging es am Ende doch wieder ebenerdig weiter, ich konnte radeln, was für ein Segen! Später legte ich eine Vesperpause ein, worauf ich gestärkt weiterfuhr. Zu meiner Freude öfter einmal bergab - wobei ich dies zugleich auch mit etwas Verdruss zur Kenntnis nahm, bedeutete dies doch sich später wieder aufwärts kämpfen zu müssen.

...So kam es dann auch, ein kräfte- und zeitraubendes auf und ab. Ich blickte immer wieder zur Deichsel, noch hielt sie. ...Schließlich wurde es dunkel... Die Deichsel interessierte nicht mehr, ich wollte nur noch ankommen. Dabei fürchtete ich bedrunkene junge Dorfbewohner, frischgebackene Führerscheinbesitzer. Bei jedem schnellen Auto zuckte ich leicht zusammen und fuhr so weit wie möglich an den Rand. Die Glühwürmchen sah ich dagegen gerne.

Foto und Videodokumentation folgen.

Zum zweiten Tag.

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